„Gestatten, wir sind die Nachbarn“
Die Städt. Schule für Kranke in der Lindenburger Allee 38 - jcw-schule.de

Das über einhundert Jahre alte Gebäude in der Lindenburger Allee beherbergt zwei Schulen. Schulen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier die KGS, eine im Stadtteil fest verankerte Bildungseinrichtung für die ersten vier Schuljahre. Dort eine Schule im Sekundarbereich mit einem merkwürdigem Namen und einem eigenartigen Auftrag. Hier ein quirliger Pausenhof mit meist fröhlich umhertollenden Kindern. Dort ein spärlich besetzter Schulhof mit älteren Kindern und Jugendlichen, unbekannten Gesichtern, manchmal unglücklichen Gestalten. Einige spielen Fußball, manche stehen in Ecken, andere sitzen auf der Treppe, erwarten das Pausenende. Oft kommen Eltern, Amtspersonen, Berater. Manche kommen von weit her. Man scheint diese seltsame Schule zu kennen.

Eine bekannte Unbekannte
Bekannt ist die Johann Christoph Winters Schule, Städtische Schule für Kranke, wie sie mit vollem Namen heißt, in der Tat. Auf Kongressen, in Fachkreisen, in den Medien ist von ihr zu hören und zu lesen, über Köln und NRW hinaus. In Lindenthal kennen sie jedoch die wenigsten. Muss man auch nicht. Im heimatlichen Sprengel wird ihre Arbeit –gottlob– nicht allzu oft beansprucht. Doch man ist Nachbar. Da darf man neugierig sein. Da möchte man wissen, wer das ist, mit wem die eigenen Kinder ihre Schulzeit unter einem gemeinsamen Dach verbringen. Immerhin tun sie das seit rund 30 Jahren.

Mit weiteren runden Jahreszahlen können wir von der Johann Christoph Winters Schule (JCW) aufwarten: 55 Jahre existiert die Einrichtung, 15 Jahre lang steht die „Villa Kunterbunt“, unsere Primarstufen-Dependance auf dem Uni-Klinikgelände, seit 25 Jahren arbeitet unsere Außenstelle in der Tagesklinik Pionierstraße. Gründe für ein mehrfaches Jubiläum also. Wir feiern gerne. Erntedank, St. Martin, Weihnachten, Karneval, Schulentlassung sind fest im Kreislauf eines Schuljahres verankert. Aber Jubiläen? Dazu fehlt uns die tradierte Schulgemeinschaft, eine vom Stadtteil geprägte Tradition. „Uns Schull“ oder das „Hausgymnasium seit Großelternzeiten“ sind wir nicht. Können und wollen wir nicht sein. Wir sind eine Schule, die man am besten wieder vergisst. Das ist ernst gemeint. Denn wenn ehemalige Schüler uns vergessen, dann haben wir womöglich gute Arbeit geleistet. Schließlich besuchen uns Schülerinnen und Schüler, die krank sind. Und was ist erstrebenswerter, als gesund zu werden, die Orte der Krankheit zu verlassen, vergessen?

Die JCW-Schule ist eine von 40 Schulen für Kranke (SfK) in NRW. Bislang galten sie als Sonderschulen, per Schulgesetz sind sie seit 2005 „Schulen eigener Art“. Das passt insofern, da Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen hier unterrichten, die meisten mit sonderpädagogischer oder psychotherapeutischer Zusatzqualifikation. SfK´s informieren, aber sie werben nicht für sich. Das Schulgesetz legt fest, wer sie beanspruchen darf. Mindestens vier Wochen Klinikaufenthalt sind Voraussetzung. In den 1950er Jahren, als die Schule von der späteren Lehrstuhlinhaberin für Körperbehindertenpädagogik, Frau Professor Dr. Siglinde Kunert, als erster Rektorin geleitet wurde, betraf das vorwiegend Kinder und Jugendliche der orthopädischen, internistischen und chirurgischen Stationen. Heute „liegt“ man dort im Schnitt nur noch gut vier Tage. Da muss keine Lehrerin mehr ans Krankenbett kommen. Von den über 120 Patienten, die in den Anfangsjahren täglich am Krankenbett unterrichtet wurden, sind in ganz Köln –glücklicherweise- im Tagesschnitt nicht mal dreißig übrig geblieben, die lange auf den Stationen (vorwiegend Onkologie, Mukoviszidose, gelegentlich Kardiologie, Innere, Dialyse) bleiben müssen. Mit gut vier Lehrerinnenstellen werden sie von der JCW aus vor allem in den Kinderkliniken der Universität und der Amsterdamerstraße betreut.

Veränderte Krankheitsbilder
Eigentlich hätte die medizinische Entwicklung die SfK´s überflüssig machen können. Doch seit dem Rückgang der akut-somatischen Erkrankungen stiegen die psychischen und chronischen. Sie sind heute, wie der Gesundheitsbericht der Stadt Köln feststellt, die verbreitetste Störungen unter Kindern und Jugendlichen. Das liegt nicht nur daran, dass die Welt für unsere Kleinen komplexer und schwieriger geworden ist. Es hat auch Veränderungen in der Sichtweise von Krankheiten und eine enorme Differenzierung im Diagnostizieren seelischer Störungen gegeben. Ansätze dieser Entwicklung sah schon der damalige Direktor der Kinderklinik, Prof. Benholdt-Thomsen, und antwortete darauf mit der Errichtung der Pestalozzistation auf dem Gelände der Uni-Klinik. Er war überzeugt, dass nicht jedem Bettnässen, nicht jeder Hauterkrankung, nicht jedem Kopfschmerz, erst recht nicht kindlichen Ängsten ein organischer Mangelbefund zugrunde liegen muss. Köln wurde unter ihm Pionier in der Behandlung „psychosomatisch erkrankter Kinder“.

Die Behandlungen dieser Kinder dauerte Monate, mitunter Jahre. Das bedeutete, sie mussten nicht nur medizinisch und therapeutisch betreut werden sondern auch pädagogisch. Denn was nützt Therapie, wenn Erziehung und Schulausbildung auf der Strecke bleiben? Dass das nicht geschah, wurde die Aufgabe von Rektor Meier, Frau Kunerts Nachfolger, mein Vorgänger. Mit dem Fachwissen des Sonderpädagogen und dem großen Herz eines kölschen Rektors legte er die Grundsteine für ein pädagogisches Profil, das später als Model einer zeitgemäßen Schule in der Kinder- und Jugendpsychiatrie dienen sollte. Heribert Meier (er verstarb im Juli 2003) war es auch, der uns in die Lindenburger Allee brachte. Nach Umwandlung der ehemaligen Volksschulen, 1969, in Grund- und Hauptschulen fielen hier die Jahrgangsstufen 5 bis 8 weg. Das Backsteingebäude stand zur Hälfte leer. Berufsschulklassen wurden versuchsweise eingelagert, worüber die Beteiligten nicht glücklich wurden.

Die Schule für Kranke kommt in die Lindenburger Allee
Wie so oft sind es Zufälle und Glücksfälle, die bessere Lösungen herbeiführen. Der Zufall lag in der Nachbarschaft. Ein Steinwurf entfernt, an der Gleuelerstraße, expandierte die Pestalozzistation, sie brauchte mehr Raum. Der Glücksfall waren die beiden Schulleitungen. Frau Hugot, KGS, und Herr Meier, SfK, einigten sich schnell mit dem Schulverwaltungsamt. Was heute als „paedagogic partnership“ in Kooperationsverhandlungen ausgehandelt würde, war seinerzeit eine sehr „kölsche Lösung“. So weiß es unsere Konrektorin, Marianne Tophoven, zu berichten, die vor 31 Jahren als frisch examinierte Sonderschullehrerin ins Gebäude kam.

Von der gemeinsamen Unterbringung sollten beide Seiten profitieren. Die psychisch Langzeitkranken hatte nun ein Umfeld, das mehr Schulleben zuließ als eine beengte Klinikabteilung. Vor allem glich es wesentlich mehr den Lehranstalten, in die sie nach erfolgter Gesundung zurückkehren würden. Die Lindenburger Allee ist für die Schüler auch heute das wichtigste Stück Realität inmitten der hochspezialisierten Behandlungskonzepte einer Universitätsklinik. Die KGS ihrerseits hatte nun einen schulpolitisch starken Mitstreiter an der Seite, als es darum ging, das inzwischen recht marode Gebäude zu sanieren. Die Nachkriegsrenovierungen lagen mehr als eine Generation zurück, pädagogische Konzepte verlangten technische Modernisierungen. Und ein so großes Gebäude inklusive Turnhalle per Hand mit Koks zu heizen, war auch in den siebziger Jahren nicht mehr zeitgemäß. Natürlich reichte das Geld nicht, um das Nötige zu tun. Für eine kleine Schule schon mal gar nicht. Doch nun war man zu zweit. Damit rechtfertigte man nicht nur den Erhalt einer ganzen Hausmeisterstelle, nun floss auch doppelt Geld. Zudem konnte die SfK Extrazuschüsse der Bezirksregierung geltend machen. Nach zweijähriger Auslagerung in der Schule Platenstraße, Köln-Ehrenfeld, konnten KGS und SfK 1991 wieder in die Lindenburger Allee einziehen.

Von der Pestalozzistation zur Kinder- und Jugendpsychiatrie
Der Wiedereinzug in das wunderschön generalsanierte Lindenthaler Gebäude (August 1991) fiel mit entscheidenden Veränderungen im Bedingungsfeld der SfK zusammen. Aus der Pestalozzistation, einst eine Enklave innerhalb der Kinderklinik, war 1988 eine eigenständige Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters mit eigenem Lehrstuhl geworden. Nicht unwesentlichen Verdienst hatte daran unsere Elternschaft, die bei uns – wie gesagt – zwar nicht in einer Schultradition stehen kann, die aber bereit war und ist, für die Belange ihrer kranken Kinder zu kämpfen. Deren medienpolitischer Einsatz für Klinik, Lehrstuhl und Schulrenovierung brachte uns übrigens Autogramme des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau ein. Denn der war seinerzeit Wissenschaftsminister in NRW und engagierte sich für unsere Anliegen.

Die Patientenzahlen stiegen mit dem Klinikausbau. Noch mehr stieg die Zahl unserer Schüler. Denn es gehört zur Besonderheit des Kölner Konzepts, Jugendliche über den stationären Aufenthalt hinaus auch in den anschließenden Reha-Einrichtungen zu betreuen, oder im Ausnahmefall so lange, bis sie in ihrer Heimatschule wirklich wieder Fuß fassen können, bzw. bis für sie eine neue Schule gefunden ist. Viele Jahre haben wir das im halblegalen Rahmen getan. Seit kurzem wird diese pädagogische Überbrückung per Erlass ausdrücklich gebilligt – ein schulpolitischer Erfolg, der aus der Lindenburger Allee seinen Anschub bekam und anderen heute als Model gilt. Dieses sieht vor, dass etliche in der SfK einen Sekundarstufenabschluss nach Klasse 9 oder 10 (Hauptschulabschluss oder Fachoberschulreife) machen. Der Umbau 1989-91 trug den curricularen Anforderungen mit Fachräumen für Naturwissenschaften, Hauswirtschaft, Kunst, Werken, Sport, Informatik Rechnung. Wie sinnvoll solche Möglichkeiten sind, mag das Beispiel einer –auch in Lindenthal- aktuell verbreiteten Erkrankung zeigen: Schulangst und Schulphobie. (Verweis auf Textstelle, Kasten o.ä.)


Gepflegte Interimsheimat
Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gilt, dass eine Gesundung umso rascher erfolgt, je früher die Erkrankung behandelt wird. Zäh ist folglich die Rückvermittlung der älteren Schüler, allerdings bescheren sie unserer sonst so fluktuierenden Klientel einen kleinen Schülerstamm, der für das Schulleben hilfreich ist. In den jüngeren Klassen ist der Schülerwechsel hoch. Rund 25 Schülerinnen und Schüler führt jedes Klassenbuch während eines Schuljahres auf. Für die Lehrer heißt das, die Klassenzusammensetzung wechselt drei mal. Gut 3x8 Einzelschicksale. Manchmal sind es nur Episoden, doch immer sind sie heftig. Stets hieß es zuvor „Land unter“. Ohne vorherigen individuellen, familiären, schulischen Zusammenbruch kommt keiner zu uns. Sie kommen aus allen umliegenden Schulen, aus allen Schulformen der Stadt plötzlich nach Lindenthal. In der Lindenburger Allee finden sie eine vorrübergehende pädagogische Heimat, die ihnen hilft, sich eines Tages am angestammten Wohnort in konstruktiveren Bahnen weiterzuentwickeln. ( Unsere Klassen 1-4 finden diese Heimat in der „Villa Kunterbunt“, unsere Patienten der Tagesklinik Pionierstaße in der Außenstelle Köln-Riehl. )
Auch vorrübergehende Behausungen brauchen Attribute des dauerhaften Willkommenseins. Zustand und Architektur eines Gebäudes sind hier sehr wichtig. Auch wenn der Zeitgeist es nicht immer wertschätzt, tragen auch Ästhetik und Gepflegtheit dazu bei. Wir sind froh, in keinem Betonbau der siebziger Jahre zu leben. Wenn trotz unserer gelegentlich expansiven Klientel Zerstörungen oder Grafitti kein Problem sind, dann liegt es auch daran, dass das nun hundertjährige Gebäude eine Würde ausatmet, die Hemmschwellen setzt. Tradition und Gepflegtheit, das spüren auch Jugendliche, wollen respektiert sein. Ein Heim, in dem ich mich wohl fühle, ist schützenswert.

Das schönste Gebäude nützt nichts, wenn Menschen es sich zur Hölle machen. Ein höheres Gut als Architektur ist Nachbarschaftlichkeit. Es ist ein Segen, dass beide Kollegien in der Lindenburger Allee diese pflegen. Und mit Frau Nau wurde uns ein weiterer Glücksfall geschenkt. Die Art und Weise, wie die Leitung der KGS die JCW-Schüler sieht und, wenn nötig, bei Uneingeweihten auch verteidigt, trägt zu deren Wohlgefühl in der Interimsheimat Lindenthal bei. Bei aller Unterschiedlichkeit der pädagogischen Aufträge beider Schulen haben wir eine Haltung gemein. Die JCW konnte sie 1991mit der Namensgebung ( Johann Christoph Winters war 1802 Gründer des Kölner Hänneschen-Theaters ) Programm werden lassen. Es ist die Erkenntnis, dass Lehrkräfte neben den Fachwissenschaften noch ein zweites Standbein brauchen, um Kinder zu fördern, anzunehmen und manchmal auch auszuhalten: den Humor.

Wolfgang Oelsner
ehemaliger Sonderschulrektor
ehemaliger Leiter der Städt. Johann Christoph Winters Schule Lindenburger Allee


Die Johann-Christoph-Winters-Schule im Überblick

120    Schülerinnen und Schüler werden täglich unterrichtet
davon werden                  

- 25  auf den Stationen aller Kölner Kliniken unterrichtet, zumeist
Uniklinik, Kinderkrankenhaus Amsterdamer Str. (häufigste
Krankheitsbilder: Krebs, Mukoviszidose, Dialyse)

- 95     zeigen psychische Erkrankungen
davon 50 im Sekundarbereich I in der Lindenburger Allee
- 21 im Primarbereich in der „Villa Kunterbunt“
- 24 in der Tagesklinik Pionierstraße

Häufigste Krankheitsbilder sind:
ADHS, Angststörungen, Psychosen, Essstörungen,
psychosomatische Störungen, Hyperaktivität mit Störung des
Sozialverhaltens, Zustand nach traumatischen Belastungen
(z.B. sex. Missbrauch).
Drogenabhängigkeit gehört nicht zum Behandlungsprofil der
Uni-Klinik.

25              Lehrerinnen und Lehrer besetzen die 20 Planstellen
(Schlüssel 1:6)
dazu  1 Sekretärin, 1 Zivildienstleistender

Als Ausbildungsschule führt die JCW Referendare und Praktikanten

Im Auftrag von Bezirksregierung und Schulamt unterhält die JCW eine
pädagogisch-jugendpsychiatrische Ambulanz. Die renovierte 1. Etage im
benachbarten ehemaligen „Rektorhaus“ ist dafür zukünftige Anlaufstelle.


Beispiel: Schulangst, Schulphobie
Ein Schulproblem, dass sich derzeit wie eine Epidemie zu verbreiten scheint (in Japan ist es das Schulproblem Nummer 1), ist der Absentismus. Kinder und Jugendliche bleiben zunehmend dem Unterricht fern.. Der Gedanke an Schule löst bei ihnen Panikattacken, Übelkeit, Schweißausbrüche aus. Das hat nichts mit dem berüchtigten „Faulfieber“ zu tun, das andere schon mal bei unvorbereiteten Klassenarbeiten befällt. Nein, diese Kinder haben für die Arbeit geübt, und die Hausaufgaben stecken korrekt angefertigt im Rucksack. Dennoch setzen sie keinen Fuß durchs Schultor. Sie wollen, doch sie können nicht.

Verschiedene Ursachen können hinter den Symptomen stecken. Vereinfacht gesagt gibt es zwei Gruppen von Schulvereigerern. Die einen trauen sich sich nicht aus ihrem vertrauten Milieu heraus. Sie können nicht damit umgehen, dass sich ihre individuelle Bedeutung in einer Schulgemeinschaft relativiert. Zuhause sind sie mitunter die kleinen Chefs oder Prinzessinnen. Hier heißt die Diagnose: Schulphobie. Die anderen sind schlichtweg überfordert. Mit Anpassung, Fleiß, evt. auch Nachhilfe hangelten sie sich vielleicht bis zur Klasse sieben des Gymnasiums hoch, doch dann geht ihnen die Puste aus. Manche kommen gar bis zur Klasse neun und brechen dann zusammen – oder verweigern eben ganz. Diagnose: Schulangst. Dass auch Gewalt-, Unrechts- und Mobbingerfahrungen angstauslösende Überforderung sind, ist so einleuchtend, dass es hier nur erwähnt sei.

Eine stationäre Behandlung ist angeraten, wenn nach Monaten ambulanter Therapie immer noch kein Schulbesuch aufgenommen werden kann. Es braucht Zeit, ehe Ursachen und Korrekturmöglichkeiten gefunden sind. Und es braucht Zeit, ehe die Maßnahmen greifen. Währenddessen läuft das Schuljahr. Da setzt unsere Aufgabe in der Klinikschule ein. Begleitend zur Psychotherapie finden die Jugendlichen wieder Motivation zum Lernen, Mut zur Anstrengungsbereitschaft, Freude am Gruppenleben. Anschluss an ein Curriculum zu finden, Erfolge zu haben, wieder versetzt zu werden, gelingt den Überforderten nur, wenn sie – und ihre Eltern! – eine Veränderung der Bildungslaufbahn akzeptieren können. Auch das braucht Zeit. Denn ein Schulwechsel, beispielsweise vom Gymnasium zur Realschule, hat das Zeug, Familienkrisen auszulösen. Und wenn eine missglückte Realschullaufbahn sinnvollerweise in einer Schule für Lernbehinderte fortgeführt werden soll (so etwas kommt vor, das ist kein Einzelfall), braucht es Zeit, ehe das für das Kind als Chance begriffen werden kann. In seltenen Fällen kann auch Unterforderung symptomauslösend sein. Egal wie - Schulwechsel sind in höheren Klassen schwer.

Nach der Klinikentlassung in eine Klasse 10 einer neuen Schule quer einzusteigen ist nicht nur schulrechtlich kompliziert. Solche Herausforderungen ängstigen manche so sehr, dass ein Krankheitsrückfall zu fürchten ist. Deshalb bitten Jugendliche, ihre Eltern und Ärzte darum, länger in der Schule bleiben zu dürfen, in der sie gerade neues Selbstvertrauen und erste Erfolge fanden – in der Lindenburger Allee.


W.O.